Formale Eckpunkte aus Tutorium 2 „Schreiben”
Konsolidierte Kriterien aus dem 70-Folien-Foliensatz von Prof. Dr.-Ing. Jörg Lohscheller, HS Trier, vom 2026-08-13. Die PDF liegt im selben Ordner (2_Schreiben.pdf).
1. Zielgruppen-Orientierung
- Autor trägt alleinige Verantwortung für funktionierende Kommunikation (unidirektional)
- Text muss für die Zielgruppe verständlich und interessant sein
- „Sie schreiben nicht für sich selbst”
2. Kurzzusammenfassung / Abstract
- Visitenkarte der Arbeit — höchste Relevanz beim ersten Kontakt
- Eigenständiger Text — KEINE Referenzen/Verweise auf Quellen, Abbildungen, Seitenangaben
- Kondensat der gesamten Arbeit — KEINE ausformulierte Gliederung
- Motiviert Inhalt, enthält Kernaussagen, Ergebnisse/Schlussfolgerungen
- Wird zuletzt verfasst
3. Ausarbeitungs-Prüfreihenfolge (Prüfer-Perspektive)
- Abstract (höchste Relevanz)
- Daumenkino: Erscheinungsbild, Sauberkeit, Abbildungen
- Gliederung: Inhalte + logische Strukturierung
- Erst am Ende inhaltliche Details
Warnung: Offensichtliche Mängel → Text wird gar nicht oder mit negativer Einstellung gelesen.
4. Wissenschaftlicher Schreibstil — Verbote
- Keine Ich-Sätze
- Keine „meines Erachtens”-Formulierungen
- Keine „Sie-Sätze” — Leser nicht persönlich ansprechen
- Keine „Wir-Sätze” — kein Fraternisieren
- Keine rhetorischen Fragen („Wer möchte nicht erfolgreich sein?“)
- Keine Übertreibungen (gewaltig, riesig, massiv, enorm)
- Keine unpräzisen Formulierungen (minimaler, sehr, kaum)
- Keine Umgangssprache („Man kann sagen…“)
- Keine Anekdoten, keine Metaphern
5. Wissenschaftlicher Schreibstil — Gebote
- Objektivität und Sachlichkeit — Autor tritt hinter die Sache zurück
- Schriftsprache / Fachsprache
- Kriterien: Korrektheit, Verständlichkeit, Nachvollziehbarkeit, Sachlichkeit, Schlüssigkeit, Fachterminologie, Klarheit
6. Sprachliche Aspekte / Fehlerfreiheit
- Zusammenschreibung als Default (Reifendruckmessgerät, Intelligenztest)
- Bindestrich nur bei komplexen substantivischen Komposita, wenn für Verständnis erforderlich (Kaffee-Löffel, Reifendruck-Messgerät)
7. Aufbau einer Arbeit
Standard-Struktur:
- Titel und Autorenschaft
- Kurzzusammenfassung
- Kapitel:
- Einleitung
- Methode
- Ergebnis
- Diskussion
- Schlussfolgerung / Fazit
- Literatur
8. Autorenschaft-Regeln
- Reihenfolge nach abnehmender Bedeutung
- Alphabetisch wenn alle ähnliche Beiträge (muss vermerkt werden)
- Erst- und Letztautor besonders hervorgehoben
- Konkrete Angaben zum Autorenbeitrag
9. Einleitung (wichtigster Abschnitt)
- Motiviert Thematik (Aktualität/Relevanz) — „Es gibt keine Motivation ohne Emotion”
- Liefert relevante Hintergrundinformationen
- Verortet die Arbeit (Kontext)
- Grenzt Inhalt zu anderen Arbeiten ab
- Abschnitt umfassender Literaturrecherche
- Stellt Bedeutung der Arbeit heraus
- Rhetorische Überleitung zum Hauptteil
10. Methode / Ergebnis / Diskussion
- Klar beschreiben, was eigenständig entwickelt/recherchiert wurde
- Deutlich die eigenen Ergebnisse/Erkenntnisse herausarbeiten
- Diskussion und Schlussfolgerung: was die Ergebnisse bedeuten
- Ggf. Ausblick auf zukünftige Arbeiten
11. Schreibprozess
Vorbedingungen:
- Inhaltliche Substanz vorhanden
- Zielgruppe geklärt
- Schwerpunkte definiert
- Strukturierung/Gliederung der Arbeit
Kritischer Tipp: Direkt ins Reine schreiben — häufiges Umstrukturieren führt zu logischen Brüchen, verlorenem roten Faden, Copy-Paste-Fehlern.
Direktes Ins-Reine-Schreiben unter Beachtung von:
- Struktur/Gliederung
- Inhaltlicher Korrektheit
- Direktem Literatur-Einbinden
- Einbinden von Abbildungen
- Adäquatem sprachlichem Ausdruck
12. Adäquate sprachliche Formulierung
- Wichtige Information → Hauptsatz; Ergänzungen → Nebensatz
- Hauptsatz vor Nebensatz
- Subjekt und Prädikat nicht zu weit voneinander
- Bei Satzverbindungen klare Bezüge (Relativsätze)
- Lange Schachtelsätze vermeiden
- Weniger Info pro Satz + klare Struktur = besser verständlich
13. Aktiv oder Passiv
Passiv verwenden, um den Akteur einer Handlung aus dem Fokus zu nehmen.
- Beispiel: „In meiner Masterarbeit habe ich eine Herangehensweise entwickelt” → „Im Rahmen der Masterarbeit wurde ein dreistufiges Verfahren entwickelt”
14. Häufige Fehler
- Füllwörter (eigentlich, vielleicht, gewissermaßen)
- Kommasetzung, Grammatik, Rechtschreibung
- Wiederholungen (überwiegende Mehrheit, eindeutig beweisen)
- Übertreibungen (riesig, massiv, enorm)
- Monotonie (Erst das, dann das, danach das)
- Denglisch (Public Viewing)
Warnung: Vom Textdokument wird unweigerlich auf den Verfasser zurückgeschlossen. Fehlerhafter Text ohne roten Faden → schlechter Autoreneindruck.
15. Abbildungen (formelle Regeln)
- Jede Abbildung erhält eine hinreichende Abbildungsunterschrift
- Auf jede Abbildung muss im Text vor ihrem Erscheinen verwiesen werden
- Für nicht eigenständige Grafik: Quelle angeben
- Selbst erstellt nach Vorlage: „In Anlehnung an [x]”
- Schriftgröße in Abbildungen soll Textschriftgröße entsprechen
- Nur bei absoluter Notwendigkeit Farben verwenden (Farbe sollte semantische Information tragen)
- Gleiches Look-And-Feel für alle Abbildungen
- KI-generierte Abbildungen müssen entsprechend gekennzeichnet werden
- „Alle Abbildungen, die sich mit vertretbarem Aufwand erstellen lassen, sollten eigenständig erstellt werden.”
Vorgehen: Bildunterschrift beginnt mit Titel, dann Teil-Abbildungen (a, b, c, d) einzeln erklärt, alle Bezeichner definiert.
16. Absätze
- Absätze strukturieren den Text logisch, heben Beginn/Ende von Gedankengängen hervor
- Vor „daher/somit/daraus folgt” kritisch reflektieren, ob Absatz eingefügt werden darf
- Fast nach jedem Satz ein Absatz → wirkt zerfahren
17. Verwendung von KI
KI ist Werkzeug, kein Ersatz für eigene wissenschaftliche Leistung.
Einsatzbereiche:
- Reflektieren/Weiterentwickeln eigener Ideen
- Diskutieren/kritisches Hinterfragen von Argumenten
- Prüfen von Gliederungen und inhaltlicher Substanz
- Aufdecken von Fehlern, Widersprüchen, Lücken
- Überarbeiten von Rechtschreibung, Grammatik, sprachlichem Ausdruck
- Lektorieren/Korrigieren eigener Texte
- Abgleich mit Aufgabenstellungen und formalen Vorgaben
Regeln im Umgang:
- Denken – dann prompten (eigene Überlegungen zuerst)
- Prüfen – nicht glauben (KI kann überzeugend Falsches formulieren)
- KI nicht als Quelle behandeln (wissenschaftliche Aussagen brauchen belastbare Originalquellen)
- Quellen verifizieren (jede wichtige Aussage am Original prüfen, belegen durch beiliegende Literatur)
- Vertraulichkeit beachten (keine personenbezogenen/vertraulichen Inhalte)
- KI-Einsatz transparent machen (Nutzung entsprechend Vorgaben dokumentieren)
Empfohlene KI-Werkzeuge: Elicit, Consensus, NotebookLM, Perplexity, Semantic Scholar, Wolfram Alpha, DeepL Write.
Zusammenhänge
- Foliensatz:
2_Schreiben.pdf(im selben Ordner) - Erstes Tutorium (Recherche):
1_Recherche.pdf - Zulassungsarbeit: arbeit