Literatur-Hierarchie

Wissenschaftliche Arbeiten stützen sich auf Fachliteratur unterschiedlicher Nähe zur Originalinformation. Die HS Trier verlangt eine klare Priorisierung, weil die Nähe zur Ursprungsquelle die Belastbarkeit der Aussage bestimmt.

Primärliteratur

Definition: Originalarbeiten der Autoren auf Grundlage ihrer eigenen Forschungen, Beobachtungen und Experimente.

Typen: Wissenschaftliche Artikel, Berichte, Dissertationen, Konferenzbeiträge mit Originalergebnissen, Originalarbeiten in Fachzeitschriften.

Kennzeichen:

  • Die Autoren berichten von etwas, das sie selbst untersucht/entwickelt/gemessen haben
  • In der Regel Peer-Review-Verfahren durchlaufen
  • Enthält Methode, Daten/Beweis, Ergebnis, Diskussion

Für unser Thema Entscheidungsbäume:

  • Quinlan 1986 (Qui86) — Originalarbeit zu ID3
  • Breiman 2001 (Bre01) — Originalarbeit zu Random Forests
  • Breiman/Friedman/Olshen/Stone 1984 — Originalwerk zu CART

Sekundärliteratur

Definition: Fach- und Sachliteratur, die sich mit Primärliteratur beschäftigt, sie beschreibt, einordnet, vergleicht. Keine eigenen Forschungsergebnisse.

Typen: Reviews, Surveys, Fachbücher, Lehrbücher. Auch Forschungsartikel können Sekundärliteratur sein, wenn sie ausschließlich bestehende Arbeiten zusammenfassen.

Zweck: Einordnung, Interpretation, Vergleich, didaktische Vermittlung.

Für unser Thema: In der Zulassungsarbeit wird ausschließlich Primärliteratur zitiert; Sekundärliteratur (Standardlehrbücher wie Hastie/Tibshirani/Friedman, Murphy, James et al., Géron) diente nur der Recherche-Orientierung und wurde für die finale Fassung nicht als Quelle übernommen (siehe nachtrag-2026-07-26-vault-bereinigung).

Tertiärquellen

Definition: Fassen Informationen aus Primär- und Sekundärquellen weiter zusammen. Einführung/Übersicht, um schnellen Überblick zu gewährleisten.

Beispiele: Wikipedia, Lexika, Enzyklopädien, Glossare, Duden, Vorlesungsskripte.

Zweck: Orientierung über wichtige primäre und sekundäre Quellen finden.

HS-Regel: „Keine oder nur reduzierte Verwendung.” Nicht ins Literaturverzeichnis. Wikipedia ist ausdrücklich nicht zitierfähig, weil Autor unbekannt und Inhalte nicht konsistent überprüft.

Graue Literatur

Definition: Nicht-verlagsgebundene Veröffentlichungen.

Typen: Reports, Whitepapers, Preprints (z. B. arXiv), Regierungsberichte, EU-Papiere, NGO-Studien.

HS-Regel: „Zitierbarkeit möglich, aber kritisch zu prüfen.” Herausgeber, Redaktions-/Prüfungsverfahren, Autoren-Reputation prüfen. Wenn zitiert: DOI/persistenten Link angeben.

Bachelor-/Masterarbeiten

Können als Primärliteratur gelten, sofern sie eigenständige Forschung enthalten. Verwendung mit Vorsicht: in der Regel keine formale wissenschaftliche Qualitätssicherung (kein Peer-Review). Nur nutzen, wenn:

  • Arbeit ist an einer akzeptierten Hochschule angenommen worden
  • Betreuer nachvollziehbar und einschlägig
  • Zitiertes Ergebnis ist auch anderweitig belegbar

Besser als Primärquelle: Peer-Review-Publikation desselben Ergebnisses (falls vorhanden).

Zusammenspiel: Wie priorisiere ich?

Kernregel (HS-Vorgabe): Lehrbücher sind immer Sekundärliteratur. Die Originalquellen in deren Literaturverzeichnis sind die Primärquellen und gehören ins Literaturverzeichnis der eigenen Arbeit. Das gilt auch dann, wenn der Stoff nur durch das Lehrbuch verstanden wurde.

Konkret:

  1. Kern-Aussagen (Definitionen, Algorithmen, Formeln, historische Ergebnisse) → Primärquelle zitieren, nicht das Lehrbuch.
    • Beispiel: „Der ID3-Algorithmus wählt Splits nach Information Gain” → Zitat aus Quinlan 1986, nicht aus einem allgemeinen ML-Lehrbuch.
  2. Einordnungs-/Übersichts-Aussagen (Fachkonsens, Verortung in der Landschaft, „gilt als …”, „hat sich etabliert als …“) → Lehrbuch als Sekundärquelle ist zulässig, weil kein einzelner Primärautor solche synthetisierten Aussagen macht.
  3. Populärwissenschaftliche Motivation/Alltagsbezug → Sekundärliteratur mit didaktischem Fokus kann zitiert werden, aber nur für Motivation, nicht für Fachaussagen.
  4. Tertiärliteratur (Wikipedia, Lexika, Vorlesungsskripte) → nie im Verzeichnis. Auch nicht als Einstieg für Fachaussagen — wenn dort etwas spannend klingt, direkt in Primär-/Sekundärliteratur zurückverfolgen.

Recherche-Reihenfolge

Konkreter Ablauf, damit die Kernregel im Alltag funktioniert:

  1. Lehrbuch zum Thema lesen — dient nur dem eigenen Verstehen.
  2. Literaturverzeichnis des Lehrbuchs durchgehen — für jede Aussage, die du in der Arbeit verwenden willst, die dortige Original-Referenz identifizieren.
  3. Originalarbeit besorgen und selbst lesen — E-Book-Bestand HS Trier (SpringerLink über Shibboleth), Scopus, Web of Science, BASE, Fernleihe.
  4. In der Arbeit die Originalarbeit zitieren — mit M-Marker und Buchseite gemäß zitierstil.
  5. Lehrbuch nur dann zitieren, wenn die Aussage eine Einordnung/Übersicht ist, die kein einzelner Primärautor formuliert hat.

Sekundärzitat vs. Sekundärliteratur

Zwei Begriffe, oft verwechselt:

  • Sekundärliteratur = Literaturart (Lehrbücher, Reviews). Zitierbar wie Primärliteratur.
  • Sekundärzitat = Zitationsmethode: Quelle A zitieren, ohne A gelesen zu haben, weil B es zitiert hat. Strikt zu vermeiden. Details: zitierstil und zitieren-und-quellen.

Zusammenhänge