Wissenschaftlicher Schreibstil
Eigene Zusammenfassung (kein Volltext) nach Balzert/Schröder/Schäfer, Wissenschaftliches Arbeiten, 3. Auflage, Teil III, Kapitel 14 (Wissenschaftlicher Schreibstil). Ziel: praktischer Stil-Leitfaden für das Schreiben der Zulassungsarbeit – als Checkliste beim Drafting und in der Schlussredaktion.
Sechs Kriterien rund um ein übergeordnetes Ziel
Laut Abb. 14.4-1 des Buches („Kriterien für eine wissenschaftliche Schreibweise”) gibt es sechs gleichrangige Kriterien, die um ein zentrales, übergeordnetes Ziel angeordnet sind:
Wissenschaftlich UND zielgruppenorientiert schreiben.
Zielgruppenorientierung/Leserorientierung ist der Rahmen, kein siebtes Merkmal – sie überlagert alle sechs Kriterien und meint: beim Schreiben konsequent die Perspektive des Lesers einnehmen und dessen Vorwissen einkalkulieren.
Die sechs Kriterien:
- Gut strukturiert – klare Gliederung und Ordnung; Tabellen, Zusammenfassungen und Übersichten erleichtern die Orientierung.
- Nachvollziehbar – logische Abfolge, widerspruchsfreie Argumentation, ergänzende Übersichten.
- Objektiv – sachlich, emotionslos, neutral. Kein „Ich”-Stil, keine Übertreibungen, keine Polemik; die persönliche Meinung wird zurückgestellt.
- Lebendig und anschaulich – aktive Verben, Beispiele, Abbildungen und Fotos.
- Klar und präzise – genau formulieren, das treffende Wort wählen, zentrale Begriffe erklären.
- Kurz – nur das Wesentliche; Füllwörter streichen, Adjektive eher selten verwenden.
Verständlichkeit als eigene Dimension (Kap. 14.3)
Ergänzend stützt das Buch Verständlichkeit auf vier Dimensionen – das Hamburger Verständlichkeitskonzept:
- Einfachheit (kurze, geläufige Wörter; einfacher Satzbau).
- Gliederung / Ordnung (innere und äußere Struktur sichtbar machen).
- Kürze / Prägnanz (so kurz wie möglich, so lang wie nötig).
- Zusätzliche Stimulanz (Beispiele, Bilder, anschauliche Sprache, die das Lesen lebendig hält).
Die vier Dimensionen sind die psycholinguistische Grundlage für die sechs Schreibstil-Kriterien oben und für die übergeordnete Zielgruppenorientierung.
Präzision & Begriffe
- Möglichst präzise und unmissverständlich formulieren.
- Zentrale Begriffe klären oder definieren – entweder konventionelle Definitionen aus der Literatur einbinden oder selbst festlegen, wie ein Begriff in der Arbeit verstanden wird.
- Einheitliche Begriffe verwenden: für denselben Sachverhalt nicht die Ausdrücke wechseln. Das vermeidet Missverständnisse; originelle stilistische Wendungen sind hier fehl am Platz.
Kürze & Prägnanz
- So kurz wie möglich, so lang wie nötig. Trotzdem: volle, grammatikalisch korrekte Sätze – kein Telegrammstil.
- Streichen, streichen, streichen: alles Inhaltsleere, das den Text nur aufbläht, entfernen.
- Füllwörter vermeiden (z. B. „gewissermaßen”, „natürlich”, „auf jeden Fall”, „durchaus”, „selbstverständlich”).
- Die meisten Adjektive streichen; keine blumige Sprache.
- Tautologien vermeiden (z. B. „nach unten fallen”, „restlos überzeugt”).
- Zweckmäßige Genauigkeit: nicht übergenau angeben (z. B. nicht die fünfte Nachkommastelle in Tabellen mitführen, wenn die Messung das nicht hergibt).
Verständliche Sätze
- Schachtelsätze auflösen – in Haupt- und Nebensatz oder mehrere Hauptsätze zerlegen.
- Satzlängen variieren (lange und kurze Sätze mischen) – das macht den Stil lebendig.
- Lange Aufzählungssätze in Listen oder Nummerierungen umwandeln.
- Mehrdeutigkeit vermeiden: Sätze müssen semantisch eindeutig sein; bei Mehrdeutigkeit umbauen.
Bezug zu den Qualitätskriterien
Dieser Stil ist die praktische Umsetzung der Kriterien Verständlichkeit, Objektivität und Nachvollziehbarkeit aus den zwölf Qualitätskriterien wissenschaftlichen Arbeitens (siehe qualitätskriterien).
Zusammenhänge
- Zwölf Qualitätskriterien (Stil als praktische Umsetzung)
- Aufbau & Gliederung (Strukturierung als Merkmal 1)
- Zitieren & Quellen (Sachlichkeit, Objektivität in der Argumentation)
- Literaturverzeichnis (formale Präzision auf Quellenebene)